Der Vorstand der Stadtwerke Kiel will die Investitionsentscheidung zum Bau des neuen Gemeinschaftskraftwerkes auf dem Kieler Ostufer um drei Jahre verschieben. Er folgt damit einer Empfehlung aus den unabhängigen Untersuchungen zum Kraftwerksneubau. Das jetzt fertig gestellte Gutachten weist unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen den Bau eines Kohlekraftwerks als ökonomisch günstigste Variante aus. Um in den Neubau gleichzeitig auch die ökologisch bestmögliche Technologie einfließen lassen zu können, wollen die Stadtwerke jedoch zunächst die Entwicklung modernster CO2-Abscheidungstechnologien abwarten. Eine weitere Empfehlung aus dem Gutachten will das Unternehmen indes sofort umsetzen: den umfangreichen Bau von Anlagen zur dezentralen Versorgung im Rahmen des neuen Kieler Energiekonzeptes. Gleichzeitig prüfen die Stadtwerke die Beteiligung an einem Offshore-Windpark und planen die Einführung eines Förderprogramms für Solarthermie.
Das Öko-Institut sowie die Beratungsgruppe Enerko hatten insgesamt sechs Kraftwerksvarianten auf ihre Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit sowie Wirtschaftlichkeit untersucht. Geprüft wurden ein 800-MW-Steinkohlekraftwerk, ein 360-MW-Kraftwerksneubau, eine GuD-Anlage mit 400 MW Leistung, eine Kombination aus Gas- und Steinkohlekraftwerk mit etwa 760 MW, ein kombiniertes Gas-, Kohle- und Biomassekraftwerk mit dezentralen Blockheizkraftwerken (Gesamtleistung 360 MW) sowie eine komplett dezentrale Variante mit Heizkraftwerken an verschiedenen Orten im Stadtgebiet.
Eindeutiges Gutachten: Kohle sichert günstige Energiepreise und Wettbewerbsfähigkeit
Das Fazit: Unter technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten empfehlen die unabhängigen Institute unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein Heizkraftwerk auf Kohlebasis.
Die Gutachter stützen sich dabei insbesondere auf ihre Prognosen zur zukünftigen Entwicklung der Primärenergiepreise. Demnach würden überwiegend mit Erdgas betriebene Anlagen (z. B. ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) je nach Szenario keine oder nur eine unzureichende Rendite erwirtschaften.
Allein die Versorgungskosten für die mehr als 60.000 Fernwärmekunden der Stadtwerke würden dann um bis zu 57 Prozent steigen. Alternativ hierzu müsste die Stadt Kiel als Anteilseigner der Stadtwerke auf ihre komplette Dividende verzichten, um die bestehenden Fernwärmepreise stabil zu halten. Als Kieler Energieversorger müssen wir nicht nur unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten, sondern tragen auch Verantwortung für die Region. Daher sind derartige Lösungen für uns unrealistisch, erklärt Grützmacher.
Nach den vorliegenden Berechnungen können wir nur mit dem Energieträger Kohle sozial verträgliche und wettbewerbsfähige Energiepreise sicherstellen. Und das langfristig auch nur dann, wenn die Stadtwerke weiterhin ihre Position als unabhängiger Energieerzeuger sichern könnten. Um auf dem liberalisierten Strommarkt zu bestehen, ist es für einen kommunalen Versorger von existentieller Wichtigkeit, die Wertschöpfungsstufe der Energieerzeugung zu erhalten, so Grützmacher.
Ökologische Verantwortung: Kraftwerksneubau nur mit modernster CO2-Abscheidungstechnologie
Doch natürlich sind nicht nur die wirtschaftlichen Faktoren für eine Entscheidung ausschlaggebend. Verantwortung zu übernehmen heißt auch, auf die bestmögliche Technik zum Schutz der Umwelt zu setzen, so Grützmacher. Daher soll bei einem Neubau modernste CO2-Abscheidungstechnologie die Emissionen drastisch reduzieren. Weil sich aber dieses so genannte CCS (Carbon Capture and Storage) noch in der Entwicklung befindet, wollen die Stadtwerke die Laufzeit des jetzigen GKK — gegebenenfalls auch durch Instandhaltungs- und Modernisierungsinvestitionen — verlängern. Diese Lösung ist keinesfalls ein Kompromiss, betont Grützmacher, sondern bietet die für alle sowohl ökologisch wie auch ökonomisch beste Variante. Vor dem Hintergrund des globalen Klimawandels müsse die Energiewirtschaft jetzt alle Anstrengungen unternehmen, um die Entwicklung der CCS-Technologie zügig voranzutreiben und für den kommerziellen Einsatz nutzbar zu machen.
Grützmacher: Wir verpflichten uns seit vielen Jahren der Nachhaltigkeit und werden diesen Grundsatz auch bei unseren zukünftigen Projekten aufrecht erhalten.
Auch weiterhin wollen die Stadtwerke daher die CCS-Forschung und -Entwicklung fördern, um eine möglichst rasche Marktreife der Technologie zu forcieren. Dafür strebt das Unternehmen an, seine Partnerschaften mit IFM Geomar und dem Institut für Geowissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität weiter zu vertiefen.
Planungen für Ausbau dezentraler Energieversorgung beginnen umgehend
Die Entscheidung, den Kraftwerksneubau zu verschieben, bedeutet unterdessen keinesfalls Stillstand. Parallel zum Neubau eines Kohlekraftwerkes empfiehlt das Gutachten, die dezentrale Energieversorgung in der Region auszuweiten. Dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen werden wichtiger Bestandteil unseres zukünftigen Energiekonzeptes. Wir wollen ein Potenzial von 20 MW außerhalb des Fernwärmevorranggebietes erschließen. Das Projekt wollen wir mit gutachterlicher Unterstützung und Begleitung durch das Öko-Institut und Enerko sofort anstoßen, kündigt Grützmacher an. Dabei streben die Stadtwerke eine Zusammenarbeit mit weiteren Partnern aus Wohnungswirtschaft sowie Handwerk an und möchten auch kommunale Energieversorger aus Schleswig-Holstein in das Projekt einbinden. Und auch zusätzliche Elemente eines dezentralen Energiekonzeptes werden auf Grundlage der Gutachter-Empfehlungen geprüft. Möglich seien Beteiligungen an einem Offshore-Windpark und die Einführung von Förderprogrammen für Solarthermie. Bei den weiteren Planungen ihres zukunftsweisenden Energiekonzepts wollen die Stadtwerke auch Biomasse und dezentrale GuD-Anlagen berücksichtigen.
Planungen im Dialog mit den Menschen
Diese zukünftigen Planungen wollen die Stadtwerke auch weiterhin transparent entwickeln. Dazu möchte das Unternehmen den bewährten Runden Tisch als Informations- und Beratungsbörse beibehalten. Dieses Gremium habe sich als äußerst effizient erwiesen und von der Beauftragung der Gutachter bis zur Vorlage der Ergebnisse sehr gut zusammengearbeitet. Wir stehen zu unserer Aussage, das Energiekonzept für Kiel nur mit und nicht gegen die Bürger zu entwickeln, sagt Grützmacher.
